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BNN titelt: Straßenbau muss differenzieren lernen

Freitag, Juli 30th, 2010

Ungekürzter Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redakteurin Alexandra Paul (BNN). Die Rechte an diesem Text liegen bei Alexandra Paul (BNN).

Höher, schneller, weiter, billiger – so die verkehrspolitische Maxime der vergangenen Jahrzehnte, als Sprit noch günstig, der Autoverkehr am Wachsen und die öffentlichen Mittel großzügiger bemessen waren. „Wir stehen angesichts einer Verknappung der Ressourcen an einer Zeitwende“, erklärt Prof. Dr. Heiner Monheim von der Universität Trier, der am 22.07. im Rahmen einer Infoveranstaltung der K3575-Initiative im überfüllten historischen Kursaal in Langenbrücken referierte.

Als Referatsleiter für Stadtverkehr im Landesministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen konnte er durch verkehrsberuhigenden Umbau von ca. 1600 Straßen ebenso viele Ortsumgehungen verhindern und kennt seine Pappenheimer unter den Städteplanern. „Oft sitzen da Betonköpfe, denen man Feuer unter dem Hintern machen muss“ so Monheims Erfahrungen.

Seine Alternativen zur geplanten Ortsumgehung zielen in erster Linie auf einen umfassenden Ausbau des ÖPNV – insbesondere des Busverkehrs – , eine deutliche Attraktivitätserhöhung des Fahrrades und eine Verengung und Verlangsamung des innerörtlichen Verkehrs ab. „Wenn Sie den Gürtel enger schnallen, hören die auf zu fressen!“ Mit provokanten Aussagen geizt Prof. Dr. Monheim nicht an diesem Abend.

Weniger plakativ ausgedrückt: Sobald die Ortsdurchfahrtswege zugunsten der Fußgänger, Radfahrer und Baumbestände deutlich verengt werden, überlegen es sich vor allem Lkw-Fahrer, ob sie sich durch ein solches Nadelöhr quälen möchten. Auch eine drastische Verlangsamung des Verkehrs auf 20 bis 30 km/h trägt zur Beruhigung bei. Da sich Lärm logarithmisch vermehrt, ist ein Lkw bei Tempo 50 doppelt so laut wie bei Tempo 30. Rast er mit 70 Stundenkilometern durch den Ort vervielfacht sich der Wert und die Schadensbilanz entspricht der von 10 Lkws.

Monheims Eindruck vom ÖPNV nach Begehung der drei Orte Langenbrücken, Mingolsheim und Kronau: „Ich bin erschüttert, wie extrem unterentwickelt der Busverkehr bei gleichzeitig relativ gutem S-Bahnnetz ist“. Eine Verzehnfachung der Haltestellen bei deutlicher Erhöhung der Taktfrequenz und der Einsatz kleiner Busse in Zusammenarbeit mit bereits agierenden lokal organisierten Systemen erhöhe signifikant die Chance, dass das Auto in der Garage bleibe. „Der öffentliche Verkehr braucht Stadtbusqualität.

Monheims Schätzungen zufolge belaufen sich rund 70% des Autoverkehrs in den drei Ortschaften auf Binnenverkehr, der durch Wegstrecken zwischen 1 bis 3 km gekennzeichnet ist. Betrachtet man den Quellverkehr innerhalb eines 10km-Kreises, dann reduziert sich die Zahl bereits deutlich und nur noch rund 10% machen den eigentlichen Durchgangsverkehr über 10 km aus. „Autoverkehr ist überwiegend hausgemacht“, so das Fazit des Experten.

Wo eingeschossige Discounter in energetisch verschwenderischer Bauweise auf der grünen Wiese die Bevölkerung zum Auto als Mittel der Wahl zwingen, da könne man sich nicht über den Verkehr wundern. Mit einer Verkürzung der Einkaufswege durch mehrgeschossige Bauweise wie in Großstädten teilweise bereits üblich und Bushaltestellen direkt an den Einkaufszentren gebe man dem ÖPNV eine realistische Chance. „Wer sich im öffentlichen Verkehr nicht engagiert, kann nicht gewinnen“, so die Prognose Prof. Dr. Monheims.

Lobend erwähnte er die örtliche Beschilderung für Radfahrer. Allerdings könne die nicht optimal genutzt werden, wenn es kaum radfahrbezogene Infrastruktur gibt. Sein Tipp: die Anschaffung von 100 öffentlichen Pedelecs pro Ort sowie eine großangelegte Radfahrkampagne anstatt noch jahrelang auf eine Ortsumgehung zu warten, deren Kosten seinen Erfahrungen zufolge bei veranschlagten 30 Mio € mit schätzungsweise 40 Mio € explodieren werden – wenn sie denn jemals kommt.

Ziel einer jeden Umgehung ist in erster Linie eine Beruhigung der innerörtlichen Verkehrssituation. Monheims langjährige Erfahrungen in der Praxis belegen, dass Ziel und Ergebnis in diesem Fall so gut wie nie übereinstimmen. Sind Ortsumgehungen da, werden die Orte nicht weniger durchfahren. Wie auch, wenn sich 2/3 der Fahrten innerhalb der Zentren abspielen. Als Gewinner zukunftsweisender Infrastrukturprogramme werden Kommunen hervorgehen, deren Vertreter sich selbstbewusst und mutig mit neuen Ideen auseinandersetzen.

Für die vorgelegten Umgehungspläne gäbe es für seine Studenten eine 6 minus, da sie völlig veraltet und an der Landschaft vorbei geplant seien. „Eine Straße muss sich nach den örtlichen Gegebenheiten richten“, so Monheims oberster Lehrsatz, den seine Studenten bereits im ersten Semester mitbekommen. Und gerade Kurorte hätten die Pflicht, Gesundheit, Menschen und das Potential der Natur sehr ernst zu nehmen. Viele Ideen, wenig kommunale Mittel und noch weniger Trost für all diejenigen, die von der Situation direkt betroffen sind. Doch Monheim macht klar, dass sich Diskussionen dieser Art jahrzehntelang hinziehen.

Er verordnet den Verantwortlichen ein qualifiziertes Moratorium, um die komplette Planung nochmals gründlich zu überdenken und eine Stufenfolge festzulegen. Was kann wie schnell realisiert werden? Monheims Tipp: „Holen Sie sich Experten in die Gemeinderatssitzungen und Sie haben in ca. 5 Jahren bezahlbare Lösungen.“ Sollte die Ortsumgehung dann genehmigt sein, kann man sich immer noch überlegen, ob sie überhaupt noch benötigt wird.

Da Gutachten als Trendfortschreibungen aus dem letzten Jahrtausend völlig obsolet sind, empfiehlt er finanzschwachen Gemeinden, die Rekrutierung qualifizierter Studenten, die solche Gutachten zur aktuellen Quell- und Zielverkehrssituation sowie alternative Möglichkeiten zur Verkehrsberuhigung innerhalb umfangreicher Studienarbeiten erbringen können.

Mit max. 10% der Kosten für eine Ortsumgehung können diese Vorschläge dann sukzessive landschaftsintegriert umgesetzt werden. Jede noch so kleine Aktion ist mehr, als mit endlos geführten Diskussionen bisher erreicht werden konnte. Wermutstropfen ist und bleibt allein die Tatsache, dass Kommunen die Kosten für innerörtliche Verkehrsberuhigung selbst aufbringen müssen, während aus Bundesmitteln finanzierte Milliarden für Umgehungen im Gemeindehaushalt kostenneutral bleiben.

Aufruf der Teilnehmer an die Politiker und Verwaltung: bitte wenden!

Sonntag, Juli 25th, 2010

Das Interesse an der Lösung unserer Verkehrsprobleme ist weiter hoch. Dieses Mal war der Kursaal Siegel in Langenbrücken voll mit interessierten Bürgern aus Bad Schönborn und den umliegenden Gemeinden. Viele Gemeinderäte und einige Kreisräte waren ebenfalls anwesend.

Professor Heiner Monheim hat mit seiner langjährige Erfahrung als Verkehrspraktiker einen erfrischenden Blick von außen auf Bad Schönborn und unsere Region geworfen.

Folgende Punkte wurden u.a. angesprochen und sachlich diskutiert:

  • Er hat herausgestellt, dass Kurorte seit jeher Vorreiter in Sachen Verkehrsinnovationen seien. Bad Schönborn hat hier ein Potenzial, das bislang noch kaum genutzt wird. Unsere Entscheidungsträger müssten bitte über den Tellerrand hinausschauen und aktuelle Trends bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.
  • Er hat mit dem Märchen aufgeräumt, dass eine Verkehrsberuhigung auf Hauptstraßen zwingend eine Ortsumgehung voraussetzt. Wer auf eine schnelle Entlastung hofft, setzt nicht auf die Karte Ortsumgehung. Zumal viele Ortsumgehungen nicht die angestrebte Wirkung erbracht haben und viele Gemeinden mit Ortsumgehungen weiter auf die Verkehrsberuhigungsmaßnahmen warten.
  • Eine Verdoppelung des Radverkehrs – wie vom Landkreis angestrebt – lässt sich mit einfachen Mitteln erreichen. Viele Gemeinden in Deutschland haben hier schon vorgelegt. Deren Umsetzungsbeispiele können kopiert werden.
  • Das Busnetz in Bad Schönborn und Umgebung sei deutlich verbesserungsfähig. Auch hierfür gibt es Beispiele, wo Kommunen den Busverkehr in drei Jahren verzehnfacht haben.
  • Bad Schönborn ist einzigartig. Wer auf unseren Hauptstraßen unterwegs ist, soll sich auch als Gast benehmen. Unsere Straßen sollen maßgeschneidert nach den Interessen der Einwohner und Gäste Bad Schönborns gestaltet werden und nicht wie bisher den 10 – 20% Durchgangsverkehr geopfert werden.
  • Verkehrsplanung ohne eine aktuelle Verkehrszählung unter Berücksichtigung aller Verkehrsmittel und Verkehrsströme sei ein Witz. Eine Kombination aus Zählung durch Schüler und automatischen Zählstationen liefere kostengünstig und in kurzer Zeit die notwendigen Ergebnisse.
  • Diese Verkehrszählung ist gleichzeitig die Basis für ein integriertes und zukunftsfähiges Verkehrskonzept. Antiquierte Straßenplanung rein für die Interessen des LKW- und PKW-Durchgangsverkehrs gehöre zurück in die Schublade.
  • Für viele Anwesenden ist auch der Anspruch an die Vernunft d.h. erst einmal mit 2-3 Millionen schnell Ergebnisse in der Verkehrsberuhigung zu erzielen, anstatt 30 und mehr Millionen für eine Straße zu verbauen, die wahrscheinlich gar nicht so viel bringt, sehr gut angekommen. Die Kassen des Landes, des Landkreises und der Gemeinden sind ja alles andere als voll.

Ein Anwohner der B3 hat den Abend treffend zusammengefasst:

Ich habe das Gefühl, dass das Thema Umgehungsstraße seit 20 Jahren auf der Stelle tritt. Heute Abend habe ich zum ersten Mal neue Worte gehört. Was können wir tun, damit Sie uns weiter unterstützen?

Professor Heiner Monheim, der in Heidelberg aufgewachsen ist, hat dazu folgende Angebote unterbreitet:

  • Durchführen eines eintägigen Workshops mit den Entscheidungsträgern der Gemeinde bzw. der Region (z.B. im Rahmen des Strategieprozesses Bad Schönborn)
  • Vermitteln von Kontakten zu Experten, die vor Ort mit der Bevölkerung, dem Gemeinderat und der Verwaltung die notwendigen Konzepte erarbeiten und umsetzen lassen können (z.B. auch Finanzierungsfragen klären)
  • Vermitteln in den Verhandlungen mit der Verkehrsministerin (z.B. um ein Modellprojekt durchzuführen)

Fazit: ein gelungener Abend, der auch vielen die bislang skeptisch zum Anliegen des Aktionsbündnisses standen, gezeigt hat, Alternativen sind möglich, schneller und kostengünstiger umsetzbar.

Das Aktionsbündnis www.K3575-Initiative.de wird die Sommerpause dazu nutzen, die Aktivitäten für das zweite Halbjahr zu planen. Wir werden auch nach und nach über einzelne Punkte, die Professor Monheim vorgestellt hat, näher eingehen.

Besten Dank noch einmal an alle Teilnehmer und Helfer der bisherigen Infoveranstaltungen!

Radfahren liegt im Trend – und entlastet die B3

Montag, Mai 17th, 2010

“Radfahren liegt im Trend. Gerade auf Kurzstrecken bis zu fünf Kilometern ist das Fahrrad ein unschlagbar schnelles und flexibles Verkehrsmittel. Neben seinem Beitrag zur Verkehrsentlastung hat das Radfahren positive Auswirkungen auf die Umwelt, die Gesundheit und auf die städtische Lebensqualität. Das Land hat sich daher das Ziel gesetzt, den Radverkehrsanteil im Land zu verdoppeln, ein noch fahrradfreundlicheres Klima zu schaffen, die Fahrradinfrastruktur zu optimieren und die Verkehrssicherheit der Radfahrer weiter zu erhöhen”, sagte Ministerin Gönner.

Soweit die neue Verkehrsministerin zum Start der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg. Der Landkreis Karlsruhe ist ebenfalls dabei.
Radverkehrsanteil verdoppeln, heisst bezogen auf die B3 den durchschnittlichen Tagesverkehr (DTV) um über 1.000 PKW pro Tag zu verringern. Gemeinsam schaffen wir das! Welche Fraktion im Gemeinderat macht den ersten Schritt?

Landesregierung stellt die Weichen für die postfossile Mobilität

Donnerstag, April 1st, 2010

Erkennt nun auch die Landesregierung die Trendwende in der Mobilität (Bericht)?

Das neue “Konjunktur- und Zukunftsprogramm ProRad 2012″ der Landesregierung wird auf Seiten des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) begrüsst.

Investitionen in den Radverkehr werden vom Finanzminister wie folgt bewertet:

“Diese Beträge sparen wir durch weniger Verkehr und zusätzliche Steuern wieder ein,”

18 Millionen pro Jahr stehen ab sofort für Kreise und Gemeinden für die Förderung von Radverkehrsmaßnahmen zur Verfügung. Ist Bad Schönborn vorbereitet? Wohl nicht… mit den Maßnahmen muss bereits im Mai 2010 begonnen werden. Auch hier rächt es sich, dass die Gemeinde kein Gesamt-Verkehrskonzept mit einem entsprechenden Maßnahmenplan vorliegen hat.

Ob die Planung der Ortsumgehung noch einmal angepasst werden muß? Auf jeden Fall fordert die Landesregierung jetzt neu: “Kein Straßenneubau – auch keine Brücke – werde mehr ohne Radstreifen geplant.” Sind wir mal gespannt, wie radverkehrsfreundlich die neue Trasse ausfallen wird.