Die Pro AG (die sich neuerdings auch “Aktionsbündnis” nennt, bloss bleibt unklar, welche Organisationen sich hier verbunden haben sollen) sieht in Zukunft eine LKW-Lawine durch die Ortschaft fahren. Sie beruft sich dabei auf die Prognose des Landratsamtes (Verkehrsgutachten) und einen Artikel im Staatsanzeiger.
Machen wir doch einen Realitätscheck und “beamen” uns 15 Jahre zurück. Wir schreiben das Jahr 1995 und Baden-Württemberg hat den Generalverkehrsplan 1995 erstellt. Die Prognose der Verkehrsentwicklung erstreckt sich bis zum Jahr 2010.
Im “Fazit einer Verkehrswelt 2010″ sind dort Sätze zu lesen, wie
… Bei konsequenter Umsetzung des Generalverkehrsplanes können die heutigen Verkehrsprobleme bis zum Jahr 2010 weitgehend gelöst oder zumindest deutlich entschärft werden. … (Seite 9)
Weiter wird im Generalverkehrsplan eine Zunahme der LKW-Fahrten um 43% prognostiziert (Zeitraum 1995 – 2010, S. 36).
1. Entwicklung des Schwerverkehrs (auf Basis von Zählungen)
Wie sieht die tatsächliche Entwicklung des Schwerverkehrs (SV) in Bad Schönborn aus?
B3 Mingolsheim Nord (Richtung Uhlandshöhe)
- 1992: 858 SV-Fahrzeuge
(in 16 Stunden – Quelle: Gutachten 2001 – Zählung am 23.06.1992)
- 2000: 609 SV-Fahrzeuge
(in 24 Stunden – Quelle: Strassenverkehrszählung 2000)
- 2000: 664 SV-Fahrzeuge
(in 16 Stunden – Quelle: Gutachten 2001 – Zählung am 11.04.2000)
- 2005: 664 SV-Fahrzeuge
(in 24 Stunden – Quelle: Strassenverkehrszählung 2005)
B3 Langenbrücken Süd (Richtung Stettfeld)
- 1992: 615 SV-Fahrzeuge
(in 16 Stunden – Quelle: Gutachten 2001 – Zählung am 23.06.1992)
- 2000: 321 SV-Fahrzeuge
(in 24 Stunden – Quelle: Strassenverkehrszählung 2000)
- 2000: 592 SV-Fahrzeuge
(in 16 Stunden – Quelle: Gutachten 2001 – Zählung am 11.04.2000 – Abweichung von >84% gegenüber der Zählung des Bundes!)
- 2005: 377 SV-Fahrzeuge
(in 24 Stunden – Quelle: Strassenverkehrszählung 2005)
Die Ergebnisse der Strassenverkehrszählung 2010 liegen leider erst im nächsten Jahr vor. Die Unterschiede zwischen der Zählung des Gutachters und der Zählung des Bundes im Jahr 2000 sind sehr hoch, werden aber an keiner Stelle im Verkehrsgutachten diskutiert.
Auf jeden Fall ist aus Basis dieser gemessenen Verkehrszahlen KEIN erheblicher Zuwachs des Schwerverkehrs zu sehen. Der Schwerverkehr war in den 90er Jahren sogar z.T. erheblich grösser.
2. Prognose des Schwerverkehrs im Verkehrsgutachten
Interessant ist aber zu sehen, welche Zahlen der Verkehrsgutachter für die Null-Fall Prognosen im Jahr 2020 und 2025 nutzt. Im Gutachten von 2004 geht der Verkehrsgutachter übrigens mit keinem Wort auf den Schwerverkehr ein…
B3 Mingolsheim Nord (Richtung Uhlandshöhe)
- 2000: 820 SV-Fahrzeuge
(in 24 Stunden – Gutachten 2001 – diese Zahl liegt damit 35% über die vom Bund gemessenen Zahlen!)
- 2020: 960 SV-Fahrzeuge
(in 24 Stunden – Abb. 16 Gutachten 2001 – Wachstum 2000/2020: +17%)
- 2025: 940 SV-Fahrzeuge
(in 24 Stunden – Gutachten 2009 – Wachstum 2000/2025: +15%)
B3 Langenbrücken Süd (Richtung Stettfeld)
- 2000: 1.090 SV-Fahrzeuge
(in 24 Stunden – Gutachten 2001 – diese Zahl liegt damit 240% über die vom Bund gemessenen Zahlen!)
- 2020: 1.270 SV-Fahrzeuge
(in 24 Stunden – Abb. 16 Gutachten 2001 – Wachstum 2000/2020: +17%)
- 2025: 1.270 SV-Fahrzeuge
(in 24 Stunden – Gutachten 2009 – Wachstum 2000/2025: +17%)
Für die Entwicklung des Schwerverkehrs für den Null-Fall ist im Verkehrsgutachten von Beginn an mit grob falschen Zahlen (siehe Werte für den Schwerverkehr in 2000) gerechnet worden. Insbesondere die hohe Zahl an Schwerverkehr-Fahrzeugen auf der B3 in Richtung Stettfeld ist in keiner Weise nachvollziehbar.
Mit ist langsam klar, wieso keiner der Befürworter eine aktuelle und umfassende Verkehrszählung haben will…
Anmerkung: Emissionen eines LKWs
Jeder LKW-Spediteur würde zudem auf den Umstand aufmerksam machen, dass sich zwischen 1991 und 2006 die spezifischen Emissionen je LKW-Tonnenkilometer zum Teil stark verringert haben (Quelle: Umweltbundesamt):
- Kohlendioxid: – 40%
- Stickoxide: – 55%
- Feinpartikel: -76%