Welchen Verkehr habe ich vor der Haustür?

Geschrieben von Felix am 20. November 2010

Ein Gemeinderat wollte mir vor einigen Tagen weismachen, dass der Anteil des Durchgangsverkehrs am Gesamtverkehr auf der B3 in Mingolsheim nach seinem Bauchgefühl (“ich kenne mich hier aus”) rund 80% betragen würde.
Kann das stimmen? Wer an der B3 wohnt, findet vor seiner Haustür folgende Verkehrsarten:

  • Durchgangsverkehr (regional oder überregional)
  • Quell- und Zielverkehr (von und nach Mingolsheim)
  • Binnenverkehr (innerhalb von Mingolsheim)

Das folgende Schaubild veranschaulicht diese drei Verkehrsarten:

  • Beispiel für (regionalen) Durchgangsverkehr: Der schwarze Autofahrer fährt z.B. von SAP in Walldorf über die B3 durch Mingolsheim zu seinem Haus in Zeutern.
  • Beispiel für Quell- und Zielverkehr: Der rote Autofahrer ist Rentner und fährt z.B. von Heilbronn nach Mingolsheim in die Therme.
  • Beispiele für Binnenverkehr: Der grüne Autofahrer fährt von der Pestalozzistrasse zum REWE zum Einkaufen.

Der erste interessante Punkt ist, dass der Binnenverkehr von der bundesweiten Verkehrszählung (2000, 2005 und 2010) nicht erfasst wird. D.h. der gesamte Binnenverkehr, der vor den Häusern an der B3 fährt, wird von diesen offiziellen Verkehrszahlen NICHT erfasst. Der Binnenverkehr kann nur durch eine Analyse der wichtigen Verkehrsknoten im Ort sowie durch eine Verkehrsbefragung erhoben werden. Dies ist in Bad Schönborn seit 1985 nicht mehr geschehen.

Doch zurück zum Bauchgefühl des Gemeinderats. Ein Blick in die Statistik der Berufspendler zeigt, dass es in Bad Schönborn rund 2.000 Einpendler und 3.400 Auspendler gibt. Im Durchschnitt fahren 80% der Pendler mit dem eigenen PKW zur Arbeit. Nehmen wir weiter an, dass sich der Verkehr in alle vier Himmelsrichtungen gleichmässig aufteilt, würden z.B. am Ortsausgang Mingolsheim (Nord) folgende Verkehre von Berufspendlern aus/nach Bad Schönborn zu erwarten sein: 5.400 x 2 (morgens hin, abends zurück)  x 0,8 (Anteil PKW an Verkehrsmittel) / 4 (nur eine Verkehrsrichtung) = 2.200 PKW / Tag (allein durch Berufspendler).

Würden nun tatsächlich 80% des Verkehrs Durchgangsverkehr sein, würden am Ortsausgang Mingolsheim (Nord) noch 0,2 x 13.000 PKW/Tag = 2.600 PKW/Tag für Ziel- und Quellverkehr übrig bleiben. D.h. der gesamte Ziel- und Quellverkehr müsste durch Berufspendler hervorgerufen worden sein… Das kann nicht sein, denn dann gäbe es z.B.

  • keinen auswärtigen Rentner, der zur Therme Mingolsheim mit dem PKW fährt
  • keinen einheimischen Handwerker, der zum Kunden nach Malsch fährt
  • keine Mutter, die zum IKEA-Einkaufen nach Walldorf fährt
  • und und und

Es gäbe auch keinen Mingolsheimer, der z.B. zum REWE oder Lidl mit dem Auto zum Einkaufen und dafür der B3 entlang fährt. Denn der Binnenverkehr ist ja bei diesen Verkehrszahlen noch gar nicht berücksichtigt.

Dieses anschauliche Beispiel zeigt: das Bauchgefühl kann in Verkehrsfragen sehr täuschen. Deshalb ist die Forderung nach einer aktuellen Verkehrsanalyse und -befragung absolut berechtigt!

 

Kommentar veröffentlichen